Erziehung zum Frieden

Kinder spielen Krieg. Sie werfen Steine, fechten mit Holzschwertern, schlagen sich – und fühlen sich sauwohl dabei. Es ist kein Unterschied zu sehen zwischen Kindern aus Stadt und Land, von arm oder reich – angeborene Aggression?

Erwachsene kämpfen mit anderen Mitteln. Sie jagen über Autobahnen, müssen zeigen, daß sie den schnelleren Wagen haben, die besseren Fahrer sind. Sie sitzen morgens brav am Schreibtisch. sagen „Jawohl. Chef“ und funktionieren; aber abends in der Fußballarena, da leben sie auf, sie singen Kampflieder, schwanken Fahnen, drohen mit den Fäusten, dann und wann macht sich der Aggressionsstau in einem wilden, einmütigen Schrei Luft, Anerzogene Aggression?

Je nach Beantwortung dieser Fragen müßte die Erziehung unterschiedliche Wege beschreiten. um der Neigung des Menschen zu Angriff und Gewalt zu begegnen.

Die Aufgabe der Erzieher wäre ohne Schwierigkeit zu erkennen, wenn man Aggression ausschließlich auf Frustration, das heißt Enttäuschungen und Versagungen der Umwelt, zurückführen könnte. Es ginge dann im wesentlichen darum. die Umwelt, zunächst die erziehende Umgebung des Kindes, Elternhaus und Schule, so zu gestalten, daß Enttäuschungen und Entbehrungen. Unterdrückung und Zwang so weit wie möglich ausgeschaltet würden. Im anderen Falle, wenn Aggression in uns ist, triebhaft angelegt. ergibt sich die Frage, ob man diesen Trieb unterdrücken oder ihn sich ausleben lassen soll. Die Vorstellung, die der Erzieher von Aggression hat, wird also sein pädagogisches Verhalten bestimmen. Aber: „Wer schwarz auf weiß nach Hause tragen möchte, was Aggression „wirklich“ ist, wird sich Enttäuschung einhandeln.“ (Klaus Horn)

Immerhin kann der Erzieher heute ohne allen Zweifel davon ausgehen, daß Aggression sowohl in der menschlichen Natur angelegt ist als auch von unserer Umwelt provoziert wird. Jeder kann an sich selbst beobachten. Wie ihn andere Menschen oder Situationen zum Angriff reizen, der sich übrigens oft gegen Ersatzobjekte richtet: wir kennen den Lehrer, der seine Klasse autoritär regiert, dem aber seine Familie auf dem Kopf herumtanzt. Oder umgekehrt: Wir kennen den Arbeiter, der mit seinem Vorgesetzten eine Auseinandersetzung hatte und danach mit seinen Kollegen Streit vom Zaun bricht. Wir bemerken an uns aber auch, daß wir in sehr ähnlichen Situationen unterschiedlich aggressiv reagieren. je nachdem, ob die derzeitige Stärke unseres Aggressionstriebes nach Befriedigung verlangt.

Danach ist die Einsicht zwingend, daß es unmöglich sein wird, Aggression .,abzuschaffen“, auch Dressur macht aus einem Löwen kein Lamm. Aufgabe der Erziehung kann es nur sein, den latenten Drang zur Gewalt einzudämmen und ungefährlichere Formen des Auslebens zu finden: Es geht um eine Kultivierung der urtümlichen Triebe des Menschen.

Man sollte nicht leugnen. daß dies möglich ist. lm Mittelalter war es für jede Stadt ein Volksfest, wenn ein Verurteilter gefoltert und hingerichtet wurde. Männer. Frauen und Kinder strömten dann vor die Tore der Stadt, um sich an dem Schauspiel zu berauschen. Auch religiöse Menschenopfer und Kannibalismus sind heute nicht mehr anzutreffen. Der alte Krieg Mann gegen Mann war unter psychologischem Aspekt vor Zeiten roher als die heutigen subtilen Formen der Massenvernichtung. Diese Bemerkungen wollen nicht die Humanität der Moderne beweisen, sondern die erzieherische Wirkung zivilisatorischer Prozesse unterstreichen.

Voraussetzung für Anwendung und Wirksamkeit erzieherischer Maßnahmen ist eine bessere Kenntnis der menschlichen Psyche und der Einflüsse, die von der Gesellschaft auf das Verhalten des einzelnen ausgehen. Damit ist weniger der Stand der Wissenschaft als das Bewußtsein der Bürger gemeint: Niemand sollte ohne ein gewisses Verständnis für seelische Vorgänge und ohne eine wenigstens grundlegende Kenntnis gesellschaftlicher Tatbestände die Schule verlassen.

Diese Forderung läßt sich am Problem des Vorurteils verdeutlichen. Wer mit der (natürlich vermittelten) Überzeugung auswächst, Gastarbeiter aus den südlichen Ländern seien faul, schmutzig und stellten deutschen Mädchen nach, wird auch durch gegenteilige Erfahrungen seine Einstellung nur schwer ändern können. Hier müßte Erziehung aufklären. Es wäre zu zeigen, daß der Mensch ein System von Vorurteilen zum Leben braucht, das heißt von „Wahrheiten“, die ungeprüft übernommen worden sind (banales Beispiel: „Benzin ist ungenießbar“). Das soziale Vorurteil, das sich gegen eine Minderheit richtet, gegen „die Juden“, „die Gammler“, „das Establishment“, ist beim einzelnen auf die gleiche Weise entstanden. wäre aber dann sozialpsychologisch zu erklären, in seiner Funktion, einen Sündenbock zu schaffen, der zur eigenen Entlastung herhalten muß. Erziehung hat hier aufklärerisch zu wirken.

Aufklärung ist auch auf anderen Gebieten notwendig. Da ist der Krieg, den wir als selbstverständliches Ereignis der menschlichen Geschichte anzusehen gewohnt sind. Die typischen Schulbuchformeln. wie „der Krieg brach plötzlich aus“ oder „es kam zum Kriege“, tragen zu dieser fatalistischen Auffassung bei. Statt dessen muß ein Problembewußtsein des Krieges entwickelt werden, das danach fragt, aus welchen Ursachen ein Krieg entsteht, welche Faktoren mitwirken, welche Voraussetzungen ihn begünstigen. Nicht nur auf Hab- und Machtgier, sondern auch auf Angst wird man stoßen und auf die Solidarität, die in Großgruppen (so bei Nationen) wie in Kleingruppen (etwa Sportvereinen) Aggressionsneigungen von innen nach außen lenkt. Die Überwindung der Gruppensolidarität zugunsten einer größeren Einheit, etwa des europäischen Nationalismus zugunsten eines gesamteuropäischen Systems, kann jedoch nur als Teilerfolg angesehen werden; ein weltbürgerliches Bewußtsein muß Ziel der Friedenserziehung sein, um nach außen aggressive Solidarisierungen unmöglich zu machen.

Als Inhalte der Friedenspädagogik sind somit die Natur des Menschen und seine Prägung durch die Gesellschaft zu erkennen; ihr Ziel ist emanzipatorisch: die dumpfe Abhängigkeit von Triebregungen und gesellschaftlichen Zwängen muß bewußt gemacht werden, damit der Mensch der Zukunft davon frei wird – nicht im Sinne einer Unabhängigkeit, sondern mit dem Ziel der Beherrschung durch Einsicht in Ursache und Wirkung.

Erziehung zum Frieden auf rationaler Basis allein aber genügt nicht. Dem Erziehungsstil kommt ein wahrscheinlich noch größeres Gewicht zu. Die „antiautoritäre Erziehung“ steht damit zur Diskussion.

Sie ist gekennzeichnet durch das weitgehende Fehlen von Norm und Zwang. Die Kinder dürfen ganz nach ihren eigenen Neigungen und Interessen leben, nur gemeinschaftsschädigendes Verhalten wird unterbunden.

Es ist wohl nicht richtig, diese Erziehung mit völliger Zügellosigkeit gleichzusetzen, wenn auch die Bilder aus antiautoritären „Kinderläden“. Die aufgeschreckten Erziehern per Mattscheibe ins Haus geliefert wurden. Diese Deutung nahelegen. Eine Erziehung zum Frieden, die sich die Verfechter der antiautoritären Erziehung ausdrücklich zum Ziel gesetzt haben, sollte jedenfalls folgende Forderungen erfüllen:
-Das Kind muß mit seinen Wünschen und Interessen ernstgenommen werden.
– Zwang und Gewalt sind so weit wie möglich auszuschalten.
– An deren Stelle sollte das aufklärende Gespräch, die Überzeugung durch Einsicht, treten.

Die Struktur des deutschen Bildungswesens (und vieler anderer in Europa) mit seinen Zwängen und seiner Geheimniskrämerei, das pädagogische Entscheidungen, wie das Zustandekommen von Noten, nicht offenlegt, erzieht nicht zum Frieden, sondern erzeugt Aggressionen. Bis vor kurzem genügten zu deren Ausleben noch Schülerstreiche und Studentenulk. Die heutige Jugendgeneration stellt das ganze System in Frage, und es überrascht nicht, daß sie es in gewaltsamer Weise tut.

Wie Aggression auf ungefährliche Weise abgeleitet werden kann. ist ein noch umstrittenes Problem. Wettkämpfe alter Art bieten sich an; häufig wird der Sport als bequemes Ventil angesehen. Nur sollte man nicht glauben, sportliche Betätigung mache friedfertiger, Testergebnisse zeigen, daß Sportler aggressiver und nicht fairer sind als Nichtsportler. Trotzdem ist nicht zu leugnen. daß Wettkämpfe, auch geistige, eine relativ ungefährliche Ableitung der menschlichen Aggressionsbereitschaft ermöglichen.

Grundsätzliche Einwände gegen die Erfolgsaussichten von Friedenserziehung bedienen sich weniger psychologischer als soziologisch-politischer Argumente. Es wird auf die Unfriedlichkeit der Gesellschaftssysteme hingewiesen, auf die Unvermeidlichkeit von internationalen und sozialen Konflikten.

Konflikte wird es immer geben. Nur durch Terrormethoden lassen sie sich völlig ausschließen. Aber die Menschen werden dahin kommen müssen, daß sie nur gewaltlose Lösungsmöglichkeiten anerkennen. Jeder weiß, wie weit wir davon noch entfernt sind.

Die Gesellschaft, in der wir leben, wird als „Abschreckungsgesellschaft“ charakterisiert; die waffenstarrenden Militärblöcke bilden ein „internationales Drohsystem“ (Dieter Senghaas). Durch Ausbeutung und Hunger, Gewalt und Angst wird Feindschaft in die Welt gebracht. Wer aber glaubt, er müsse zuerst diese Verhältnisse überall gewaltsam ändern, bis er mit der

Erziehung zum Frieden beginnen könne, trägt vorerst nur zur Unfriedlichkeit der Welt bei. Das schließt nicht aus, daß Not und Unterdrückung an manchen Orten auch gewaltsames Vorgehen legitimiert. Aber insgesamt stehen wir vor der Aufgabe, den Übergang der historischen Menschheit in das atomare Zeitalter zu vollziehen, — ein Umbruch, der nur mit dem Seßhaftwerden zu vergleichen ist. Diese Aufgabe ist eine erzieherische.

Dr. Dieter Schmidt-Sinns

(Aus: „Kontraste“, Heft 4, Dezember 1970, „Zum Frieden verdammt“)

Aus: „Stenojugend Zeitschrift der Deutschen Stenografenjugend“ 1.Jg. Heft 4 Oktober-Dezember 1970

Hier gibt es den Originalartikel

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