Das Maschinenschreiben und der Deutsche Stenografenbund

Von Dr. Kratzsch, Bad Nauheim

Der Name unserer großen Organisation ist nur historisch zu verstehen.

Der Deutsche Stenografenbund pflegte bei seiner Gründung im Jahre 1868 nur die Kurzschrift (damals das System Gabelsberger), denn es gab ja noch keine Schreibmaschinen, die fabrikmäßig hergestellt wurden.

Als zu Beginn der siebziger Jahre die ersten Schreibmaschinen aus Amerika importiert wurden, war es ein Stenograf, der die große Bedeutung dieses Schreibgerätes erkannte, es war kein anderer als Ferdinand Schrey. Er prägte den Namen Stenotypistin, denn er war einer der ersten, die junge Mädchen in Kurzschrift und Maschinenschreiben ausbildeten. Das war damals ein großes Wagnis. Die Schreibmaschine, der natürlich noch mancherlei Kinderkrankheiten anhafteten, erfreute sich nur geringer Wertschätzung. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde es als „Majestätsbeleidigung“ angesehen, Schreiben an „gekrönte Häupter“ mit der Schreibmaschine zu schreiben und noch im 3.Dezennium unseres Jahrhunderts wurde in der Öffentlichkeit diskutiert, ob es angehe, einen Privatbrief mit der Schreibmaschine zu schreiben.

Aber auch soziologisch unternahm Ferdinand Schrey ein großes Wagnis. Die Tochter „aus gutem Hause“ war diskriminiert, wenn sie etwa berufstätig sein wollte. Es gehörte zum guten Ton, daß sie ihre Aussteuer nähte, daß sie Klavierunterricht nahm und ihrer Mutter im Haushalt half. Es gab noch keine Familienbänder, noch keine Koedukation. Die ersten berufstätigen Frauen waren Telefonistinnen, die in abgeschlossenen Räumen ihre Arbeit verrichteten.

Bekanntlich nahmen lange Zeit die Stenografenvereine keine Damen auf. Als sich die Stenografie mehr und mehr verbreitete und Industrie und Verwaltung in angelernten Mädchen billigere Arbeitskräfte sahen, entstanden Damen-Stenografievereine mit eigener Dachorganisation, die zunächst in lockere Verbindung zu den schon bestehenden Stenografievereinen trat. Wie schon Jahre vorher die Frauen in Amerika während des amerikanischen Bürgerkrieges die Büros erobert hatten, so brachte auch der 1. Weltkrieg in Deutschland einen grundlegenden Wandel. Die Wirtschaft wäre zusammmengebrochen, wenn junge Mädchen sich nicht bereitgefunden hätten. Arbeitsplätze einzunehmen, die früher ausschließlich Männern vorbehalten waren. Wir fanden sie nicht nur als Straßenbahnschaffnerinnen oder in den Munitionsfabriken. Sie gingen in weitestem Maße in die Büros von Verwaltung und Industrie. Es war die gro0ße stunde der Stenografenvereine, als sie in Schnellkursen junge Mädchen in Kurzschrift, Maschinenschreiben und Buchführung in unvorstellbarer Zahl ausbilden mußten. Es war aber auch die große Stunde der Fachlehrerin für Kurzschrift und Maschinenschreiben, die nach verhältnismäßig kurzer Ausbildungszeit die klaffenden Lücken ausfüllen mußte.

Das durch den Krieg eroberte Feld gaben die Frauen nicht mehr ab. Es kehrten leider nicht alle Männer an ihre Arbeitsplätze zurück. Die Verwaltung blähte sich auf und schuf neue Stellen weniger qualifizierter Arbeit, die für junge Mädchen wie geschaffen waren. Aber auch weibliche Verbindlichkeit, die schnelle Auffassungsgabe und geistige Beweglichkeit sicherten ihr den Arbeitsplatz. Die Schreibmaschine setzte sich immer mehr durch und blieb die Domäne der Frau.

Unter dem Druck der Tatsachen behielten viele Vereine den Unterricht im Maschinenschreiben bei. Aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem 1.Weltkrieg verhinderten doch die Neuanschaffung vom Unterrichtsmaschinen in größerem Ausmaß, bis der Deutsche Stenografenbund große Werbeaktionen für den Unterricht im Maschinenschreiben startete und Möglichkeiten zur günstigen Beschaffung von Schreibmaschinen fand.

Im Zuge des totalen Kriegseinsatzes mußten bekanntlich die Stenografenvereine auch ihre Schreibmaschinen an die DAF abliefern, viele waren schon vorher durch Bombenangriffe zerstört woprden, so daß nach Beendigung des Krieges sozusagen auf dem 0-Punkt begonnen werden mußte.

Die gro0ße Bedeutung des Unterrichts im Maschinenschreiben wurde von zahlreichen Stenografenvereinen erkannt. Trotz erheblicher Schwierigkeiten wurden zahlreiche Schreibmaschinen nach Kriegsende neu beschafft. Nach den noch nicht vollständigen Ehebungen für 1962 wird von den Stenografenvereinen des Deutschen Stenografenbundes an.

über 6000 Schreibmaschinen

zur Zeit unterrichtet. Das ist eine eindrucksvolle Zahl. Und doch unterrichtet nur etwa die Hälfte aller Vereine im Maschinenschreiben.

Die Streuung ist nach den vorliegenden Unterlagen regional sehr verschieden:

Deutsche Stenografenzeitung 1963 S.76
Deutsche Stenografenzeitung 1963 S.77
Deutsche Stenografenzeitung 1963 S.78

Die Angaben aus dem Berliner verband und aus den Verband Baden-Württemberg sind unvollständig, so daß sie nicht berücksichtigt werden konnten.

Von den 474 hier berücksichtigten Vereinen erteilen also 265 Unterricht im Maschinenschreiben. Am günstigsten schneidet nach dieser Aufstellung der Hessische Verband und der Rhein-Mosel-Verband mit je 66 Prozent ab, gefolgt von den Verbänden Westdeutschland 56 Prozent, Norddeutschland 56 Prozent und Bayern 55 Prozent.

Unter den Bezirken stehen besonders günstig da der Bezirksverband Mittelfranken (80 Prozent) , der Bezirk Ruhr-Lippe (77 Prozent) , der Bezirk Hamburg/Schleswig-Holstein (75 Prozent) und die Bezirke Frankfurt und Rhein-Lahn mit je 71 Prozent der Vereine.

Untersuchen wir nun noch die Verteilung der Schreibmaschinen.

Deutsche Stenografenzeitung 1963 S.78
Deutsche Stenografenzeitung 1963 S.79

Von den hier erfaßten Vereinen werden also insgesamt 5843 Schreibmaschinen für Unterrichtszwecke benutzt.

Besonders günstig schneidet hierbei der Westdeutsche Verband ab, indem fast die Hälfte aller benutzten Schreibmaschinen stehen. Aber auch der Hessische Verband und der Norddeutsche Verband schneiden bei dieser Übersicht relativ gut ab.

Ein riesiger Nachholbedarf besteht bei den elektrischen Schreibmaschinen. Am günstigsten ist die Lage im Hessischen Verband durch den Bezirk Offenbach-Hanau (und hier wieder durch den Verein Offenbach). (3,3 Prozent für den Verband und 10,9 Prozent für den Bezirk), wenn man vom Bezirk Ortenau absieht, in dem eine einzige elektrische Schreibmaschine steht und dadurch ein Prozentsatz von 100 errechnet wird. Recht gut schneidet auch der Bezirk Mittelrhein mit 4,3 Prozent ab. Hier gibt es mehrere Vereine an Privatschulen, die von der fortschrittlichen Tendenz dieser Privatschulen profitieren.

Wenn man berücksichtigt, daß heute jede vierte verkaufte Schreibmaschine elektromechanisch ist, daß also 25 Prozent der Käufe den elektrischen schreibmaschinen vorbehalten sind, dann wird unsere Aufgabe deutlich, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Öffentliche und private Schulen sind uns auf diesem Gebiert schon vorangegangen. Wir müssen den offensichtlichen Rückstand aufholen, wenn unser Unterricht in Maschinenschreiben attraktiv und auf dem neusten Stand bleiben soll.

Die Raum- und Finanzprobleme, die die Beschaffung elektromechanischer Schreibmaschinen aufwirft, sind nicht zu verkennen. Aber die Erkenntnis einer Lücke ist schon sehr viel wert. Diese Statistik soll nun nicht zum voreiligen Kauf elektromechanischer Schreibmaschinen verleiten. Auf dem Bundesvertretertag in Garmisch-Partenkirchen wird über dieses wichtige Thema berichtet.

Hier gibt es den Originalartikel

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