Die Stenographie in den deutschen Großstädten 1905

Bei den folgenden statistischen Betrachtungen über die Verbreitung der Stenographiesysteme Gabelsberger und Stolze-Schrey in den deutschen Großstädten sind die in den beiderseitigen Jahrbüchern angegebenen Zahlen zu Grunde gelegt worden, und zwar aus dem Stolze-Schreyschen Jahrbuche die Tabelle auf Seite 247, während aus dem Gabelsbergerschen Jahrbuche, wo eine solche Tabelle leider fehlt. Die Angaben für jede einzelne Stadt erst zusammengerechnet werden mußten. Maßgebend für die Ansehung einer Stadt als Großstadt war noch die Volkszählung von 1900. Die Übersicht gibt den Bestand an Stenographenvereinen und Vereinsmitgliedern und die Zahl der im letzten Jahre Unterrichteten wie auch das Verhältnis aller drei Gattungen zum Vorjahre an. In Klammern ist denjenigen 10 Städten, die für jedes System durch die Zahl Ihrer Vereinsmitglieder und Unterrichteten am bedeutsamsten sind, eine Ziffer von 1 bis 10 beigefügt, aus der hervorgeht, den wievielten Platz die betreffende Stadt unter den deutschen Städten hinsichtlich der Verbreitung des einen oder des anderen Systems einnimmt, in welchem Grade sie also für den Besitzstand der beiden stenographischen Schulen wichtig ist, wobei die Mitglieder und die Unterrichteten getrennt betrachtet sind und die Gabelsbergerschen Ziffern den Stolze-Schreyschen vorrausgehen. Es bedeutet also Hannover (8/9) | (4/4): Hannover kommt in Bezug auf die Zahl der Personen, die einem Gabelsbergerschen Stenographenverein als Mittglieder angehören, an 8. Stelle unter den deutschen Großstädten, in Bezug auf die Zahl der unterrichteten an 9. Stelle, für die Schule Stolze-Schrey ist Hannover die 4. Stadt Deutschloands sowohl in der Zahl der Vereinsmitglieder wie in der Zahl der Unterrichteten. Leipzig (3/1) | bedeutet: Leipzig steht mit der Zahl seiner Vereinsmitglieder in der Gabelsbergerschen Schule an 3. Stelle, in Bezug auf die Zahl der nach dem System Gabelsberger Unterrichteten ist es die erste deutsche Stadt; in der Schule Stolze-Schrey gehört Leipzig nicht zu den zehn bedeutendsten Großstädten.

Deutsche Stenographen-Zeitung 1906 S.103

Die meisten Gabelsbergerschen Vereinsmitglieder hat also Dresden, es folgen dann München und Leipzig. Die größten Unterrichtszahlen hat Leipzig, danach München und Dresden. Auf Stolze-Schreyscher Seite weisen die meisten Vereinsmitglieder auf nacheinander Berlin, Breslau, Hamburg, die meisten Unterrichteten Berlin, Hamburg, Köln. Die weitere Reihenfolge der Großstädte in ihrer Bedeutung für die Stärke der Stenographiesysteme Gabelsberger und Stolze-Schrey zeigt die folgende Tabelle.

Deutsche Stenographen-Zeitung 1906 S.104

Also Z.B.: die achtgrößte Zahl von Gabelsbergerschen Vereinsmitgliedern hat Hannover, von Unterrichteten Halle, die achtgrößte Zahl von Mitgliedern Stolze-Schreyscher Vereine hat Braunschweig, von Unterrichteten nach Stolze-Schrey Düsseldorf.
Über 1000 Vereinsmitglieder gibt es auf der Gabelsbergerscher Seite in Dresden, München, Leipzig, Nürnberg, Frankfurt, Chemnitz, also in sechs Städten, bei Stolze-Schrey nur in Berlin und Breslau. Über 3000 Unterreichtete wurden gezählt nach Gabelsberger in Leipzig, München, Dresden, Nürnberg, nach Stolze-Schrey in Berlin und Hamburg, über 1000 außerdem nach Gabelsberger in Frankfurt, Chemnitz, Stuttgart, nach Stolze-Schrey in Köln, Hannover, Magdeburg, Breslau, also auf Gabelsbergerscher Seite 7, auf Stolze-Schreyer 6 Städte, die eine Unterrichtszahl von über 1000 aufweisen können, wobei aber die einzelnen Summen bei Gabelsberger weit größer sind.
Die dritte Übersicht soll denjenigen Städte nennen, in denen bei beiden Parteien im letzten Jahre der größte Fortschritt an Unterrichteten zu verzeichnen war, sie gibt also ein Bild davon, wo die Arbeit am erfolgreichsten war. Die Zahlen sind bei Gabelsberger durchweg größer als bei Stolze-Schrey. (S. Tabelle S. 105)
Noch deutlicher als diese absoluten Zahlen der Zunahme sprechen die Verhältniszahlen bei der Zunahme an Unterrichteten für die Werbekraft unseres Systems. Den verhältnismäßig größten Zuwachs auf Gabelsbergerscher Seite hat im letzten Jahre Charlottenburg, die Unterrichtszahlen sind von 70 auf 316 gestiegen, also auf mehr als das Vierfache. Verdreifacht haben sie sich in

Deutsche Stenographen-Zeitung 1906 S.105

Essen, wo statt 73 im vorhergehenden Zähljahre diesmal 224 unterrichtet worden sind. Dann folgt – erst jetzt trotz des ganz gewaltigen absoluten Zuwachses – Nürnberg; die Unterrichtszahl steht zu der des Vorjahres in einem Verhältnis, das noch größer ist als 2:1 Königsberg hat, von 173 auf 330 fortschreitend, auch fast das Doppelte des vorjährigen Bestandes erreicht, und danach wären Danzig, Köln und Aachen zu nennen als diejenigen Städte, wo der Prozentsatz der Zunahme ab Unterrichteten der nächstgrößte war. Das sind mit alleiniger Ausnahme von Nürnberg lauter preußische Städte, also in einem Gebiete belegen, wo Stolze-Schrey von jeher die Oberhand hatte. Gerade in Preußen also, unter den bedrängtesten Verhältnissen, hat unsere Saat am üppigsten gewuchert und sich lebenskräftig erwiesen trotz allen Wiederstandes. Mitten im Herzen der Stolze-Schreyschen Macht, in der mit Berlin unmittelbar und unzertrennlich zusammenhängenden modernsten deutschen Großstadt Charlottenburg ist unser System jetzt verbreiteter als Stolze-Schrey, es hat an Vereinsmitgliedern Stolze-Schrey überflügelt, in der Zahl der Unterrichteten fünfmal soviel zugenommen wie jenes System und seinen Vorsprung in der Zahl der Unterrichteten gegenüber Stolze-Schrey noch weit vergrößert. Daß solche Fortschritte in diesen preußischen Städten möglich waren, beweist, wie sehr sich auch der Rundschauer des Stolze-Schreyschen Jahrbuches wieder im Irrtum befindet, wenn auch er den alten Stolze-Schreyschen Glaubenssatz vom Siege des Einigungssystems im freien Wettbewerb erneut nachspricht, den doch außer ungezählten Einzelfällen gerade jetzt im großen die Zählungsergebnisse für Baden in seiner ganzen Nichtigkeit und Haltlosigkeit enthüllt haben,- eine Selbsttäuschung, von der wir nur wünschen können, daß unsere Stolze-Schreyschen Mitbewerber sie nicht aufgeben, denn sie wird für sie verhängnisvoll werden.

Inwieweit in den einzelnen Städten die Stärkeverhältnisse durch die letzte Statistik andere geworden sind, ist aus der Haupttabelle zu ersehen. Besonders angeführt seien hier noch die Städte im Gebiete des freien Wettbewerbes, in denen der Abstand an beiderseitigen Unterrichtszahlen sich zugunsten unseres Systems verschoben hat, wobei wir nur solche Großstädte berücksichtigen wollen, in denen Stolze-Schrey überlegen ist. In Köln (an Unterrichtszahlen die dritte Stadt für Stolze-Schrey) ist unser System an Unterrichteten dem anderen näher gekommen um 418, in Elberfeld um 231, in Berlin um 173 (in Berlin geht der Stolze-Schreysche Unterricht schon seit mehreren Jahren zurück), in Königsberg um 118, in Hamburg um 93, in Dortmund um 21, in Aachen um 11. Ein bei uns schon vorhandener Vorsprung ist zu unseren Gunsten noch größer geworden in Stuttgart um 216, in Charlottenburg um 195, in Mannheim um 189, in Halle um 157, in Krefeld um 102; schließlich in Nürnberg um 1723, Leipzig um 517, Dresden 90, Chemnitz 88, Beweise dafür, daß, was ja auch niemand wird bestreiten wollen, daß in den Gebieten, wo Gabelsberger einmal vorherrscht, Stolze-Schrey nicht Boden fassen kann, während das Umgekehrte, wie vorhin nachgewiesen, nicht zutrifft. Das geht auch aus den folgenden Tabellen hervor.

Deutsche Stenographen-Zeitung 1906 S.106

„Länder mit freiem Wettbewerb“ sind doch meistens nur die Stätten, wo Stolze alt eingesessen war, Stolze-Schrey, durch die Namensähnlichkeit begünstigt, die Erbschaft des vorherrschenden Systems antrat und Gabelsberger sich erst eine Position erringen mußte. Also innerhalb dieser Länder, wo Stolze-Schrey von vornherein stärker war, hat unser Gabelsbergersches System nun in den Großstädten die größeren Fortschritte an Unterrichteten gemacht.
Noch besser wird das Ergebnis, wenn wir die preußischen Städte allein nehmen. Dort liegt das Verhältnis gegenüber dem Vorjahre so:
G+2 V+478M +980 U. S-S+1 V+554 M+593 U
„Wir haben nichts weiter gewollt, als Freiheit in unserem Bestrebungen. Soweit uns diese gewährleistet worden ist, bleiben wir auf der ganzen Linie Sieger“ sagt Herr Kümpel (Warte 1905/6, Nr.1.). Die Entwicklung war unhöflich genug, ihm auch hier wieder unrecht zu geben. Und auch Herr Bäckler hatte an die neueste Statistik nicht gedacht, als er in seinem Verein „zeigte, wie der Abstand zwischen Stolze-Schrey und Gabelsberger zugunsten des ersten Systems in den Ländern des freien Wettbewerbes immer größer werde“ (Vereinsbote 1906, Nr.1) Das Gegenteil hatte sich bereits wieder einmal zahlenmäßig herausgestellt, als dieser Vortrag gehalten wurde. Es zeugt von der gesunden Art der Weiterverbreitung unseres Systems, daß sie innerhalb und außerhalb der Großstädte in gleichmäßiger Vorwärtsbewegung erfolgt ist. Diese Regelmäßigkeit des Fortschrittes bürgt dafür, daß er von Dauer sein wird.

Hier gibt es den Originalartikel

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